Dieses kleine, aber feine Thema mit der Akzeptanz
Das Gefühl, festzustecken
Kennen Sie das? Man hadert mit der aktuellen Situation. Man verschiebt Entscheidungen, die eigentlich Veränderung bedeuten würden. Oft gibt es dieses diffuse Gefühl: Etwas „muss weg“, damit man glücklich oder frei sein kann.
Man fühlt sich an etwas gefesselt. Das nimmt einem nicht nur Möglichkeiten. Es erzeugt auch ein Gefühl von Machtlosigkeit und Ohnmacht.
Manchmal wissen Menschen nur, was sie loswerden wollen – nicht aber, wohin sie eigentlich wollen. Eine klare Vorstellung vom eigenen Wunschzustand fehlt.
Das kann vieles betreffen:
● eine Beziehung oder Freundschaft, die einen nicht mehr erfüllt
● ein Job, der inhaltlich, organisatorisch oder finanziell nicht mehr passt
● eine Zukunftsvision, die reizt, aber auch verlangt, bisherige Sicherheiten loszulassen und sich auf etwas Unbekanntes einzulassen
Fachlich gesprochen: Man befindet sich in einem Zustand der Ambivalenz – zwei (oder mehr) Wünsche stehen sich gegenüber, ohne dass einer eindeutig überwiegt.
Die Rolle des „Experten“ – und der Druck, der dabei entsteht
Klient:innen kommen oft mit einem hohen Veränderungswillen in die Beratung. Sie wollen die Ambivalenz auflösen – am liebsten schnell.
Dabei entsteht manchmal ein bestimmtes Bild: Der Therapeut oder die Beraterin wird als jemand gesehen, der alles weiß. Jemand, der den schnellen Weg zur Veränderung kennt – und das möglichst, ohne dass etwas Vertrautes verloren geht.
Dieser Wunsch ist absolut menschlich und nachvollziehbar. Er bringt aber zwei Herausforderungen mit sich:
Erstens: Es kann Erwartungsdruck entstehen – auf den Beratungsprozess, auf die beratende Person und auch auf die Klientin oder den Klienten selbst. Wer das belastende Gefühl der Ambivalenz möglichst schnell loswerden möchte, läuft Gefahr, sich am Ende noch hoffnungsloser zu fühlen, wenn es nicht sofort klappt.
Zweitens: Es gibt oft gute Gründe – und manchmal auch echte Sicherheiten –, die den aktuellen Zustand (den sogenannten Status quo) festigen. Diese Gründe halten Menschen in der Ambivalenz fest.
Kurz gesagt: Kaum jemand kommt voran, ohne etwas Altes loszulassen. Und kaum jemand gibt einen sicheren Status quo auf, ohne eine echte Vision für das Neue zu haben.
Warum Akzeptanz der Schlüssel sein kann
Ein zentraler Ansatzpunkt in der Beratung: Akzeptanz für das eigene Dilemma zu entwickeln.
Das bedeutet nicht, sich mit allem abzufinden. Es bedeutet, der aktuellen Situation – und den bisherigen Entscheidungen, die zu ihr geführt haben – mit Wertschätzung zu begegnen. Auch die guten Gründe dahinter verdienen Anerkennung.
Diese Haltung nimmt Druck heraus. Und sie verhindert, vorschnelle Lösungen zu erzwingen.
Warum ist das wichtig? Wenn eine Lösung zu früh kommt, kann sie aus zwei Gründen scheitern:
● Der Klient oder die Klientin ist innerlich noch nicht bereit loszulassen. Das führt oft zu Unzufriedenheit und Unverständnis.
● Die Entscheidung wurde überstürzt getroffen – und stellt sich im Nachhinein als nicht tragfähig heraus, sodass alte Muster oder Zweifel schnell wieder zurückkehren.
Was Akzeptanz praktisch bewirkt
Sobald Menschen beginnen, das Hier und Jetzt zu akzeptieren – und die guten Gründe hinter ihrer Ambivalenz zu verstehen – verändert sich etwas.
Die innere Anspannung lässt nach. Der Druck wird kleiner. Auch selbstkritische Gedanken wie „Warum bekomme ich das nicht hin?“ oder „Die anderen schaffen das doch auch!“ verlieren an Kraft.
Akzeptanz schafft außerdem Raum: Raum, um verschiedene Szenarien einfach mal durchzuspielen. Raum, um eigene Ressourcen und mögliche Herausforderungen in Ruhe anzuschauen. Raum, um das eigentliche Anliegen noch einmal zu prüfen und zu schärfen.
In diesem Raum darf auch mit der Ambivalenz gespielt werden. Verrückte, völlig unrealistische Ideen dürfen gedacht werden – ganz ohne Druck, sie sofort umsetzen zu müssen.
Fachlich gesprochen: Der Blick auf die Funktion und den Nutzen bisheriger (ungeliebter) Verhaltens- und Denkmuster – statt auf deren vorschnelle Abschaffung – schafft Akzeptanz und öffnet zugleich das Tor für neue Handlungsalternativen.
Aus dieser Leichtigkeit heraus entsteht oft ein Gefühl von Selbstwirksamkeit: das Gefühl, wieder handlungsfähig zu sein.
Fazit
Die eigene Akzeptanz kann ein großer Schlüssel im Umgang mit Ambivalenz sein – und in der Entscheidungsfindung überhaupt.
Die Arbeit an der Akzeptanz fühlt sich anfangs vielleicht nach Aufschieben an. Vielleicht auch nach Ungeduld, weil noch keine handfesten Lösungsschritte sichtbar sind.
Doch genau diese Arbeit ist das Fundament, auf dem alle weiteren Schritte der Beratung aufbauen können.